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Vor-Reiterinnen - Sexualität, Gewalt und Spiel
| "Dieses Buch ist ein Angriff auf die Unterdrückung und Kolonialisierung weiblicher Sexualität. Es soll uns stärken und uns auf den langen, schwierigen Kampf um unsere Befreiung vorbereiten." (Pat Califia) Dieses Buch erschien erstmalig 1981, Auflage 5. Tsd, im Orlanda Frauenbuchladen Berlin; 1985 - Auflage 7. Tsd; 1989 - Auflage 9. Tsd. |
In der Antike schmückte er Tempel-Reliefs und Mosaike, heute dekoriert er als unabdingbares Design- und Begierde-Objekt jeden privaten Haushalt. Ob griffbereit im Bücherschrank oder auf dem Sprung der Badewanne, ansehnlich hinter Glas oder im liebevoll arrangierten Köfferchen gebettet, der Delfin avancierte zum beliebtesten Sex-Spielzeug der Nation. Unterbewusst mag hier die Bedeutung von griechisch delfi mitschwimmen, nämlich Gebärmutter oder Schoß. Und schließlich las die Priesterin, häufig als großer Fisch, Wal oder Delfin dargestellt, das Orakel von Delfi direkt aus ihrer Mitte. Sie wusste die innere Stimme mit allen Sinnen breitbeinig wahrzunehmen. Dass Lesben auf diesem Hintergrund den Delfin als ein sie schmückendes Erkennungssymbol sexueller Identität tragen, ist vielleicht hier begründet.
In den Siebzigern brachte die Frauengesundheitsbewegung Wind ins herrschende, männliche Sexualitätskonzept. Die "krankhaften" Symptome wie Bauchweh, Nervösität und vaginale Lubrikation wurden zu natürlichem Begehren und weiblicher Potenz. Frau nahm ihre Sexualität und den Vibrator in die Hand und räumte der Clit eine herausragende Stellung ein. Verschiedene Orgasmen bis Megasmen und diverse Reizflächen wurden experimentell erkundet.
Aus den knochenmarkerschütternden Masturbationsmaschinen wurden selbst kreierte und produzierte Sex-Spielzeuge, die wie der Name sagt, zum Spielen, Ausprobieren und zur Freude gereichen (dildo stammt von dilettare, ital. erquicken, erlaben) und ganz nebenbei starre Geschlechterrollen zum Purzeln bringen. Prototypen waren Wal, Delfin und Schwimmerin und ein weicher lila Schwanz. Generationen später kamen dann Silikon-Wellen dazu, Schlangen, Halbmonde, Bumerang, Silber-Kugeln, Marmor-Stäbe oder ein Set aus zusammensteckbaren Edelstahlformen.
Sex-Spielzeuge sind Kommunikationsmittel: "Na, kommt Ihnen das nicht bekannt vor?" Im privateren Rahmen lassen sich beim Anblick von Design Dildos, Flaschenöffner und Pfeffer-Mörser Erfahrungen austauschen, über Vorlieben sprechen, Funktionalität diskutieren und sich Anregungen holen. Je mehr das praktiziert wird, umso natürlicher kommt es und trägt zur offenen Kommunikation über Sexualität bei.
Denn obwohl oder gerade weil unsere Gesellschaft hypersexualisiert ist, lässt sich ein großes Bedürfnis feststellen, seriös über Sexualität zu reden. Zwar hat Foucault zurecht zum Schweigen über Sexualität aufgefordert. Er machte darauf aufmerksam, dass durch das Sprechen über Sexualität Normen gesetzt und Macht ausgeübt wird. So herrschte jahrtausendelang die männliche Sexualität, wurde als Phalluskult beschworen und reproduziert. Dem ist entgegen zu halten, dass das Schweigen keinesfalls zur freien Entfaltung dient, sondern auf Kosten derer geht, die nie das Sagen hatten. Und das sind in erster Linie Frauen, aber nicht nur.
Lust und Befriedigung und sich Gutes tun, das sind die Schlüsselworte, die nicht zuletzt durch die Frauenbewegung zur Ablösung der traditionellen Sexualmoral durch eine "Verhandlungsmoral" (Schmidt, 1996) geführt haben. Sexualität wird diskutiert und verhandelt zur Zufriedenstellung aller Beteiligten. Damit einher geht eine Relativierung der Sexualität. Sie ist nur noch eine unter anderen Erlebnismöglichkeiten und ist so "schön" runter gekommen.
Sexuelle Praktiken legitimieren sich ausschließlich über die Lust. Auch sonst ist erlaubt ist, was gefällt: lesbischwul, transsexuell, queer, multi-, pan- oder omni- und intersexuell, transgender, drag und hetero.
Garber (1996) setzt diese "Metro-Sexualität" synonym mit städtischem Lifestyle. Sie ist aber auch als Emanzipationsschub in Richtung Auflösung der Geschlechter zu verstehen, denn sie erlauben eine Vielfalt von Identitäten und das Leben jenseits von zwei Kategorien. Ohne öffentlichen Diskurs der Sexualitäten wäre diese Entwicklung nicht denkbar gewesen. Sigusch (1998) spricht von einer neosexuellen Revolution. „Die Zerstreuung der Sexualität in Sexualitäten und die gesellschaftliche Aufwertung der sexuellen Partialtriebe und der nicht heterosexuellen Sexualitäten, die in den vergangenen Jahrzehnten durchgesetzt wurden, hat der erwachsenen Sexualität Züge des Polymorph-Perversen verliehen“ (Dannecker, 2001).
Dies lässt sich wiederum an den Spielzeugen der letzten drei Jahrzehnte ablesen. Es existierten schon immer geschlechtsübergreifende Kultobjekte wie die "Madonnen", die einen Leib voller sich drehender Perlen und einen braven Frauenkopf zeigten, was selektiv als Schwanz wahrgenommen kann. Einige Madonnen hatten zusätzlich eine bestimmte Neigung, um besondere Flächen und Drüsen zu erreichen, und/oder einen Vorbau, der in Form eines Vögelchens, Mäuschens oder Delfins vibrierend reizen konnte. Diese "bijoux religieux" kamen aus Japan, einer Kultur mit starkem Sexualkult.
Die Sexologin Dr. Annie Sprinkle designte eine Liebeshantel, die zu vaginalen wie analen, prostatischen wie g-flächlichen und sogar gleichzeitig kombinierbaren Freuden dienen kann. Die jüngste Entwicklung sind "Packers", die dem männlichen Glied in Form, Funktion und Hautgefühl nachkommen und jederzeit eingesetzt werden können. Das freut nicht nur Trans-Persönlichkeiten, die bislang mit zum Teil schmerzlichen Prothesen abgestraft wurden, sondern erlaubt allen, die wollen, verschiedene Seiten ihrer selbst auszuleben und die Geschlechterfrage vielleicht ganz zu unterminieren. Wer da von Penisneid noch redet, ist nicht nur out-of-fashion, sondern eindimensional im Denken, was praktisch überholt ist. Denn auch Penetration ist nur so - viel oder wenig - heterosexuell wie Küssen. Es gibt viel zu entdecken, packen wir's ein!
Literatur
DANNECKER, MARTIN: Die Apotheose der Paarsexualität. In: Sex. Vom Wissen und Wünschen. Begleitbuch zur Ausstellung im Deutschen Hygiene-Museum vom 7.11.2001-11.8.2002. Hatje Cantz 2002, S. 19-43
GARBE,, MAJORIE nach Marie Louise Angerer: Der Zwang zum Bild. In: Sex. Vom Wissen und Wünschen. S.o. S. 141-163
MÉRITT, LAURA: Lauras Spielzeugschatulle. Querverlag (2001)
SCHMIDT, GUNTER: Das Verschwinden der Sexualmoral. Über sexuelle Verhältnisse. Ingrid
Klein Verlag Hamburg, (1996)
SIGUSCH, VOLKER: Die neosexuelle Revolution. Über gesellschaftliche Transformationen der Sexualität in den letzten Jahrzehnten. In: Zeitschrift Psyche 52, (1998) S. 1192-1234.
Dr. Laura Méritt ist Linguistin, Mediatorin, Sexpertin; Autorin und Herausgeberin
promovierte über das Lachen der Frauen beim Reden über Sexualität. Sie ist
Betreiberin von "Sexclusivitäten" Berlin, dem ältesten sexuellen Dienstleistungsunternehmen von Frauen in Europa. http://www.sexclusivitaeten.de;
Veröffentlichungen:
Lauras Spielzeugschatulle. Querverlag (2001;
Animösitäten und Sexkapaden. Konkursbuch (1994);
Das lesbische Auge 1-6. Konkursbuch (1998 - 2007);
Mehr als eine Liebe. Orlanda (2005).
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